Guten Abend allerseits!
Wir kommen aus dem Dickicht von Wuppertal, aus dem Freibad Mirke, vom Döppersberg, und aus der Kita! Wir sind die Frühschwimmerinnen von der Mirke, der Bademeister vom Hallenbad Ronsdorf, wir sind die streikenden Bauarbeiter vom Döppersberg und die Kinder von der Kita, die Köchinnen von St. Antonius, die jetzt auf der Straße stehen, wir sind die Kurzarbeiter, die große Sorgen um ihre Arbeitsplätze haben, wir sind die prekär Beschäftigten mit Niedriglohn und die schlecht bezahlten Freien Künstler, die Ein Euro Jobber von der Gesa und von der Nordbahntrasse.
Wir solidarisieren uns heute mit den Beschäftigten des von der Schließung bedrohten Schauspielhauses in Wuppertal. Wir grüßen die SchauspielerInnen, die Bühnentechniker und Beleuchter, die Soufleusen und die Garderobenfrauen und -männer! Und wir grüßen natürlich das Publikum!

Mein Name ist Mina K: Ich bin seit etlichen Jahren Frühschwimmerin im schönsten Freibad der Welt: Lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen! Wir müssen jetzt Widerstand gegen die unsozialen und dummen Sparpläne von OB Jung und Co. organisieren. Wuppertal wehrt sich gegen das Totsparen! Das ist unsere Parole. Wir sagen Nein zu den unsozialen Sparplänen! Wir sagen Nein zu allen geplanten Schließungen der Frei- und Hallenbäder!

Hallo ich bin Husch-Husch: Ich bin Bademeister aus Ronsdorf, aus dem schönsten Hallenbad der Welt. Wir kämpfen dafür, dass auch in Ronsdorf Schulkinder noch das Schwimmen lernen können. Wir unterstützen aber auch die Bühnentechniker und Schauspieler!

Servus allerseits, meine Name ist Horst Tappert: Es ist grauenhaft und ein Jammer, dieses ehrenwerte Schauspielhaus mit dieser ehrenwerten Geschichte schließen zu wollen. Wuppertal braucht öffentlich finanzierte Kultureinrichtungen wie das Schauspielhaus. Die Abhängigkeit von Projektmitteln zerstört die Lebensfähigkeit der städtischen Kultur. Davon kann die freie Kulturszene ein trauriges Lied singen. Sie zahlen uns jetzt heim, dass wir nicht rechtzeitig gemeinsam mit der freien Kulturszene zusammengekämpft haben. Sie haben uns gegeneinander ausgespielt und jetzt sind die städtischen Theater dran.
Lasst uns gemeinsam für eine soziale und kulturelle Infrastruktur kämpfen, die nicht abhängig von der Großzügigkeit und Kulturbeflissenheit von reichen Gönnern ist. Kostenloses Schulmittagessen, öffentlich finanzierte Theater und Museen, ein bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr, kostenlose Kita-Plätze bis zum gebührenfreien Studium sind keine Luxusforderungen, sondern der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe.
Leuchturmprojekte? Ohne uns!
Leider geht der neoliberale Zug schon seit einigen Jahren in die andere Richtung: Sinnvolle Projekte der Sozialen Stadt werden heruntergefahren, gefördert werden nur noch sog. Leuchturmprojekte wie der Döppersbergumbau, die Nordbahntrasse und die Junioruni.

Meine Name ist Fritz Zucker: Der Kommunale Ordnungsdienst nennt mich auch Zuckerfritz. Ich bin eigentlich Bauarbeiter am Döppersberg Aber da mache ich nicht mehr mit. Ich baue lieber neue Gesamtschulen, renoviere das Schauspielhaus oder das Zoostadion, rette die Schwebebahn, mit Tariflohn versteht sich. Der millionenschwere und absolut langweilige Umbau des Döppersberg passt nicht in diese Zeit. Wir wollen diesen Döppersberg-Umbau nicht! Wir wollen diese Verschleuderung von Millionen Euro nicht, weil gleichzeitig Sozialprojekten das Wasser abgegraben wird. Statt der Kürzungen im Sozialbereich fordern wir eine soziale Infrastruktur und kostenfreie Gesundheitsversorgung für alle! Mit Beschäftigten, die von ihrer sinnvollen Arbeit gut leben können und nicht in Ein Euro Jobs und in anderen prekären Arbeitsverhältnissen ausgebeutet werden. Und wir brauchen in Wuppertal keine neuen Bürotürme und Einkaufszentren. Die gibt es nämlich schon und sie stehen seit Jahren leer.

Hallo ich bin Günther Pröpper, und Exfussballprofi vom besten Fussballverein der Welt. Heute arbeite ich zwangsweise als Ein Euro Jobber auf der Nordbahntrasse. Ich brauche ja die 170 Euro, weil Hartz IV nicht zum Leben reicht. Keine Frage, die Idee, die alte Trasse zum Radweg umzubauen, ist klasse. Da kann der WSV schön trainieren fahren. Wir sollten aber nicht schweigen über den massenhaften unfreiwilligen Einsatz von Ein-Euro Jobbern auf der Trasse.

Mein Name ist Juri Gagarin, früher Kosmonaut, heute Hausmeister an der Junioruni, in der IG Metall organisiert. Ja, für die Junioruni werden die Fördermittel bewilligt. Auf der anderen Seite werden die Bildungschancen für die normalen Kinder beschnitten. Eine besondere Frechheit ist es, dass Stadtteilbibliotheken und Schulbibliotheken geschlossen werden sollen und gleichzeitig die Junioruni massiv unterstützt wir. Ich habe nichts gegen das Erlernen von Grundlagen von Physik, Raumfahrttechnik, Englisch und Latein schon im Kindergarten- oder Grundschulalter, natürlich nur wenn es freiwillig ist. Ich habe aber erhebliche Zweifel dann, wenn die Nachmittagsbetreuung an den normalen Schulen personell unterversorgt und schlecht bezahlt wird. Ich würde mich sehr über pädagogische Spitzenkräfte in unseren Förder-, Haupt und Gesamtschulen freuen, die den Kindern auf phantasievolle Weise alles mögliche – notfalls auch Latein
- beibringen. Watt würde ich mich freuen, wenn endlich das Schulmittagessen wieder bezahlt würde und wann kommt denn eigentlich die neue Gesamtschule!?

Recht auf Stadt
Uns gehört die Stadt – diese alte Parole aller sozialen Kämpfe gilt es wiederzubeleben. Gegenwehr und Aufbau neuer solidarischer Strukturen gehören zusammen. Wir halten es mit dem Intendanten des Tanztheaters in Mexiko-City John Holloway: Wir bitten niemandem um etwas, vielmehr erschaffen wir hier und jetzt unsere kreative Aufsässigkeit, indem wir so weit wie möglich die Momente und Räume ausweiten, in denen wir sagen: Nein, wir beugen uns nicht den Anforderungen des Kapitals, wir werden etwas anderes machen, wir werden die Selbsthilfe fördern, die Kooperation, die Erschaffung gegen das Kapital. Es ist nicht leicht, es ist nicht offensichtlich, aber dies ist die Richtung, in die wir uns bewegen müssen, die wir erkunden müssen. Mit Wut, aber mit einer Wut, die andere Perspektiven eröffnet, die andere Dinge erschafft, eine Wut der Würde. *
Auf diese Wut vieler WuppertalerInnen setzen wir. Selbstorganisierung und Selbstermächtigung sind auf lange Sicht die einzige Perspektive, den Zumutungen zu entfliehen und etwas Neues aufzubauen! Übrigens nicht nur in Wuppertal, sondern weltweit organisieren und vernetzen sich soziale Bewegungen unter dem Motto Recht auf Stadt. Dieses Recht wird nicht erteilt, es gehört allen, unabhängig von sozialer oder nationaler Zugehörigkeit. Die Stadt gehört allen! Deshalb sollten auch alle die Möglichkeit haben, mitzubestimmen, wie Stadt gestaltet wird.
Gefordert sind wir alle! Das Publikum hier genauso wie die über 200 Beschäftigten der Wuppertaler Bühnen, die Bademeister genauso wie der Schwimmverein, die Schulklassen wie die Frühschwimmer und die Badegäste, die den Warmwassertag lieben. Lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen! – Sport gegen Kultur, Schwimmbäder gegen das Schauspielhaus.
Diese Stadt gehört allen, nicht nur den Politikern, die die Sparbeschlüsse mal soeben via Presse der Bevölkerung mitteilen. Die Monarchie ist – soweit wir informiert sind – schon länger abgeschafft. Wir sagen: Dies ist vielleicht der Anfang einer neuen städtischen Bewegung. Wir brauchen jetzt eine wirkliche Bewegung gegen das Totsparen. Eine Bewegung von unten, die mitdiskutiert und kritisiert und nicht alle Leuchturmprojekte wie den Döpperberg schluckt.

Wir laden zu einer ersten Solidaritäts- und Bürgerversammlung am 17. Januar 2010 um 16:00 Uhr vor das Schauspielhaus ein. Für Glühwein und Punsch und eine Lautsprecheranlage mit offenem Mikro ist gesorgt. Und sorgen wir dafür, das wir am 15. März 2010 massenhaft vor der entscheidenden Ratssitzung vor dem Barmer Rathaus stehen. Seid herzlich eingeladen und bringt eure Nachbarinnen und Nachbarn mit!

Es grüßen Horst Tappert, Mina K., Husch-Husch, Günther Pröpper, Zuckerfritz, Juri Gagarin und alle anderen von Wuppertal wehrt sich gegen das Totsparen!

* aus dem Grußwort von John Holloway